Die Sprache der Organe – das Herz

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exuperys aus „Der Kleine Prinz“

So wie wir materialisierter Geist sind, so stellen unsere Worte/Sätze, die aus der Tiefe unserer Seele kommen, die Verbindung zwischen dieser (Seele) und dem Körper her. Sie stammen aus unserem Geist, der die Verknüpfung zwischen Verstand und Herz herstellt. Aus dieser Verbindung stammt die Sprache der Organe.

Manche Sätze, die oft aus Unachtsamkeit gesprochen werden und die mit einer Wucht auftreffen können, dass man meint, sie entspringen einem Höllenkarussell, das im Kopf herumwirbelt und vollkommen unkontrollierbar ist, können das Gegenüber erstarren lassen. Diese Sätze/Situationen/Begebenheiten, die Jemanden einfrieren, (ab-)spalten, entsetzen und empören, manifestieren sich in körperlichen Symptomen. Ein Buchstabe kann ein Wort verändern, ein Satz ein ganzes Leben.

Das Wort „Buchstabe“ führt uns in die germanische Uhrzeit. Priester ritzten (daher das Wort „Abriß“, „Reißbrett“) Zeichen in Buchenstäbe (daher das Buch) und warfen diese vor sich auf die Erde. Diese (Geheim)zeichen hießen Runen (daher „raunen“). Die hingeworfenen (daher „Entwurf“) „Buchenstäbe“ oder Buchstaben aufgelesen – daher „lesen“, im doppelten Sinne von aufsammeln (Weinlese) und „ein Buch lesen“, und zur Weissagung entziffert (französisch „Déchiffrer“). Man kann ein Gesetz dem Buchstaben nach erfüllen, sich also nach den toten Buchstaben richten. Das heißt aber nicht, dass auch der Geist der Schrift die rechte Würdigung erfahren hat. In der Bibel (2. Korintherbrief, Kapitel 3, 6) steht eindrucksvoll: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig! Seit Urzeiten wusste man also, dass ein Wort töten oder zur Heilung führen kann.

Es sind diese Worte, die unser Verstand/Geist/Psyche aufnimmt und die direkt im Herz landen – im positiven, wie im negativen Sinne. Im nicht guten Ausdruck kann man sie als Stich im Herzen spüren.

Mit Hilfe dieser Organsprache kann herausgefunden werden welcher Konflikt, samt der „festgehaltenen“ Emotion das Schockerlebnis nicht verarbeiten lässt.

Wir kommen damit auf den springenden Punkt, den Aristoteles so benannte. Er meinte damit jenen pulsierenden roten Fleck, der im befruchteten Hühnerei nach dem dritten Tag der Bebrütung mit bloßem Auge zu erkennen ist. Für ihn war es das erste Zeichen des Lebens: Die Herzanlage. Doch was oder wer gibt den ersten Impuls für den Herzschlag? Hier sind sich alle Kulturen einig: Wenn die Seele in das Herz gelangt, beginnt das Herz zu schlagen.

Die Sprache des Herzens ist eindeutig, sie sagt „Liebe mich, erhöre mich“, wenn es um die Revierbereiche geht. Ist unser Liebster/Liebste zugegen, wird uns warm ums Herz, da es entzündet und entflammt wurde – es brennt in Liebe zu Jemanden, an den wir unser Herz verschenkt haben.

Warm ums Herz wird uns aber auch, wenn wir das machen können, was wir freudig angehen. Aus diesem Grund betrifft die konfliktive Belastung des Revierverlustkonfliktes oder sexuellen Frustrationskonfliktes (je nach Händigkeit) auch alle Engagements in verschiedenen Bereichen, die uns „lieb und teuer“ sind – die uns ans Herz gewachsen sind oder die uns am Herzen liegen, weil wir unser ganzes Herz dranhängen. Das reicht von der Kunst, über die Wohnung und Hobby, zum Beruf (usw.). Mitunter dringen Töne direkt ins Herz und erwecken es zu neuem Leben. Die Klänge berühren etwas in unserem Geist und manchmal blühen dann Bilder auf. Manchen Menschen geht das Herz auf, wenn sie nach der Arbeit endlich ihren Hund wieder drücken können. Auch der Vierbeiner ist dann voller Freude und überglücklich, Sie zu sehen. Ein Herz für Tiere fließt in beidseitiger Richtung!

So kann unser Herz gebrochen werden (oder es zerreißt unser Herz), wenn wir eines dieser „lieben Sachen“ verlieren. Wir „erkranken“ an Herzeleid und Herzschmerz. Auf alle Fälle geht es uns zu Herzen, weil wir es uns zuvor zu Herzen genommen hatten.

Das Märchen >Der Froschkönig< beschreibt solch ein Herzeleid und die Befreiung davon sehr eindrücklich: „Heinrich, der Wagen bricht!“ „Nein, mein Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als ein Frosch Ihr wart.“  So endet das Märchen vom Froschkönig. Weil der junge Prinz in einen Frosch verzaubert wurde, meinte sein Diener, das Herz müsse ihm zerbrechen. Deshalb ließ er sich eiserne Bänder um sein Herz schmieden. Doch als der Zauber seine Kraft verlor und der Prinz mit seiner Braut auf sein Schloss fuhr, sprangen die Schutzbänder mit lautem Krachen vom Herzen Heinrichs. Er brauchte sie nicht mehr.

Ein großer Schrecken, der das Herz aussetzen, stolpern, oder gar kurz stillstehen lässt, kann demnach nicht „nur“ durch die Bedrohung, des Verlustes der Partner(in) ausgelöst werden. In der Luft liegende Unheile können das Herz zusammenziehen oder enger werden lassen. Aus diesem Grund trifft man schwere Entscheidungen schweren Herzens. Und manchmal benötigt man eine große Portion Mut, um einen Entschluss fassen zu können, dann muss man seinem Herzen einen Stoß geben oder sein Herz in die Hand nehmen und sich ein Herz fassen.

Angst oder Aufregung lassen das Herz schneller schlagen – Verliebtsein führt zu einem angenehmen Herzklopfen und wer überglücklich ist, hat das Gefühl, dass sein Herz überläuft. Hat man einen Menschen sehr gerne, dann schließt man ihn in sein Herz und kann sogar zu einem Herz und eine Seele miteinander verschmelzen. Beobachtungen zeigen und beweisen, dass die Herzfrequenz von verliebten Paaren sich synchronisiert (gleichgestimmte Saiten verwandter Seelen), nachdem sie sich ein paar Minuten in die Augen gesehen haben. Man trägt den anderen im Herzen.

Man kann aber auch sein Herz verschließen. Das passiert, wenn zu viele schlimme Dinge dem Menschen widerfahren sind – dann wird das Herz zu Stein, zu einem harten Herzen. Die Novelle >Das kalte Herz< von Wilhelm Hauff, beschreibt diesen Zustand sehr eindrücklich: Getrieben von dem Verlangen nach einem besseren Leben, wendet sich Peter Munk an eine dunkle Macht, den gefürchteten Holländer-Michel. Dieser bietet ihm Reichtum und Erfolg an, verlangt aber im Gegenzug sein menschliches Herz und ersetzt es durch ein Herz aus Stein. Peter verliert dadurch all seine menschlichen Gefühle – Freude, Mitgefühl, Liebe – und wird zu einem kaltherzigen, herzlosen und grausamen Menschen. Sein Leben wird dadurch bedeutungslos und leer. Peter versucht, den Fluch des Holländer-Michels zu brechen, damit er seine Menschlichkeit wiedererlangt. Seine Reise ist sowohl körperlich als auch emotional voller Herausforderungen aber auch voller Offenbarungen über die wahren Freuden des Lebens. Es dauert seine Zeit, bis der Stein vom Herzen oder der Seele fällt

Da die Konstellation der Revierbereiche von der Musik der traurigen und fröhlichen Töne (je nach Waage-Stellung) begleitet wird, sprechen wir davon, dass wir Etwas auf dem Herzen haben, wenn uns etwas belastet und traurig macht. Gar mancher hat sogar viel auf dem Herzen und damit gleich mehrere Anliegen/Kümmernisse. Treffen wir auf ein offenes Ohr, dann können wir unser Herz öffnen und im besten Fall unser Herz ausschütten. Äußern wir unsere Enttäuschung oder Wut, dann haben wir unserem Herzen Luft gemacht.

Wer sein Herz auf dem rechten Fleck hat, kann auf andere zugehen, empfindet keinen Groll, Neid, Hass oder Eifersucht. Menschen mit offenem Herzen sehen Unterschiedlichkeiten bei den anderen nicht als Trennung, sondern als Bereicherung an. Sie wissen, dass Unterschiede zu den menschlichen Stärken gehören. Auf dem Boden dieser Tatsache kann man Menschen mit offenem Herzen weder spalten noch Angst einjagen, weil sie ihre beste Version des Lebens leben. Sie machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube, sie bleiben offenherzig.

Man kann auch sein Herz verlieren oder sein Herz verschenken. Einer ostasiatischen Weisheit zufolge sind Menschen, die dafür bestimmt sind, einander ohne Rücksicht auf Zeit, Ort oder Umstände zu begegnen, durch einen „roten Schicksalsfaden“ (Die Farbe Rot symbolisiert das Herz – Ein Herz und eine Seele) verbunden. Dieser mag sich dehnen oder verheddern, reißen aber wird er nie. Bei manchen Menschen kann man ihre Verbundenheit so spürbar und stark wahrnehmen, dass es nicht überraschen würde, solch einen Seidenfaden zu sehen, mit dem in der asiatischen Mythologie füreinander bestimmte Paare von der Liebe im Herzen miteinander verwoben sind. Wir alle haben schon von greisen Lebenspartnern gehört, die wenige Tage nacheinander sterben. Viele denken, dass dies Krankenhaus-Seemannsgarn sei, doch die Praxis spiegelt genau dies wider: Verwitwete Menschen folgen ihrem Partner binnen kürzester Zeit ohne eindeutige medizinische Diagnose – aber aus einem großen Kummer heraus, der das Herz zerbricht. Da dies häufiger geschieht als vielleicht gedacht, bezeichnen Mediziner dieses Geschehen als „Gebrochenes-Herz-Syndrom“ – fachsprachlich: Stress-Kardiomyopathie. Dieses Broken-Heart-Syndrom, das zunächst für einen Herzinfarkt gehalten wird, da die Symptome sich manchmal ähneln, entwickelt sich gewöhnlich in aller Stille, klammheimlich und sehr häufig sogar ohne Begleitsymptome.

Menschen mit einem weichen Herzen fühlen sich dazu berufen andere zu unterstützen und helfen, wo sie nur können. Ein „Nein“ ist nicht in ihrem Wortschatz enthalten – niemand wird abgewiesen. Sie haben ein großes Herz für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen. Auf der organischen Ebene betrifft das weiche Herz die Kammermuskulatur, die konfliktiv tatsächlich „ausdünnt“ und somit etwas softer erscheint. Menschen mit viel Herz können jedoch bei häufigen Rezidiven tatsächlich unter einem zu großen Herzen leiden, da das Myokard sich nach jeder Lösung etwas mehr verdickt (Luxusgewebe). Mit der Zeit und bei ständigen Wiederholungen stellt sich diese Charaktereigenschaft des weiten Herzens dann auch auf der körperlichen Ebene als Dilatation (Herzerweiterung) und Herzinsuffizienz dar. Je nach Ausmaß kann man dann unter Wassereinlagerungen (vorwiegend an den Füßen, die beim Hochlagern weniger werden), Atemnot, Müdigkeit und ggf. unter Bluthochdruck leiden.

Man kann fühlen, dass man sich das Herz verstrickt hat. Man ist verwickelt (Rezidive), weil man sich beispielsweise in Leidenschaft/Liebe, aber auch in Schuld und eines „nicht schaffen Könnens“ verloren hat. Alles nimmt man sich sehr zu Herzen, die Befürchtungen und schweren Gedanken lasten auf dem Herzen, weil man meint es nicht zu schaffen. Schon der griechische Dichter Äschylus (525-456 v. Chr.) hat die Sorgen „Nachbarn des Herzens“ genannt.

Der wohlwollende Rat man solle sich doch nicht alles so zu Herzen nehmen ist zwar gut gemeint, greift aber in der Regel nicht. Nur Jemand der es versteht, den anderen an sein Herz zu drücken, kann den Leidenden eine gewisse Last abnehmen. Man muss die Grund-Belastung durch Konfliktrekonstruierung, auch wenn dies mittels eines Therapeuten geschieht selbst fühlen/erkennen, dann erst kann man sich davon in der Tiefe seines Herzens befreien. Geschieht dies nicht auf diesem Weg, spürt man einen Widerstand, der das Ganze zwecklos macht.

Dennoch ist man mit diesem Konflikt sehr beherzt. Aber auf Dauer kann mit diesem konfliktiven Geschehen („Überforderungskonflikt“), das Herz aus dem Takt geraten.

Eine Kindheitserinnerung: Obwohl ich erst zwei Jahre alt war, kann ich mich noch gut erinnern, dass meines Großvaters Herz aus dem Takt geraten war, aber nur, weil mir meine Großmutter diesen Takt vorsang. Meine Großmutter erzählte: „Den Krieg hat dein Großvater überlebt, nicht aber die Ärzte und den Strom. Dein Großvater hatte Herzrhythmusstörungen. Damals dachte man, er habe in seinem Beruf als Starkstromelektrikermeister was abbekommen. Dadurch sei sein Herz aus dem Takt geraten“. Großmutter erklärte mir, wenn man mit dem Takt, den das Großvater-Herz hat, das Lied „Ännchen von Tharau“ singen würde, hört sich das ganz schrecklich an. Sie sang im Großvater-Herz-Takt dann „Ännchen von Tharau“. Das hörte sich wirklich grauenvoll an.  Also musste Großvater zum Arzt. Das habe ich eingesehen. Der Arzt hat ihm elektrischen Strom durch das Herz geschossen, weil im Herzen auch Strom sein soll. Hörte sich schon komisch für mich an, aber ich war ja nicht erwachsen. Die Erwachsenen würden das schon besser wissen als ich. Auf alle Fälle sollte das Großvater-Herz nach dem Stromstoß wieder im richtigen Rhythmus schlagen. Man kann also nach dem Storm-Schuss im Großvater-Herz-Takt wieder normal „Ännchen von Tharau“ singen. Ohne, dass es sich schrecklich anhört. Das mit dem Strom und dem Großvater-Herz hat leider nicht funktioniert.

Der Herzbeutel, der wie ein Schutzschild das Organ umschließt hat die Aufgabe, es vor Angriffen zu schützen. Wenn beispielsweise ein Ehepartner einen Herzinfarkt erleidet, kann die Frau dies als Attacke auf ihr eigenes Corazón erleben. Solch ein leidendes Herz verdickt das Perikard, das es umschließt, aus Schutz vor der empfundenen Attacke. Wenn dieser Kummer nicht nachlässt und man ständig die Bedrohung/Sorge empfindet, dass der Partner einen erneuten Infarkt erleiden könnte, bildet sich ein Panzer um das Herz (Schulmedizin: „Panzer-Herz“). Es ist vielleicht schwer vorstellbar, aber das alles geschieht, damit wir weiterleben können.

„Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben“.

Erich Fromm, Die Kunst des Liebens

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist die als denknotwendig erkannte Ethik Jesu.“

Albert Schweitzer

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